Telegram nennt sich in der eigenen Play-Store-Beschreibung ein „stark verschlüsseltes" Messenger. Das stimmt sogar — nur nicht für den Chat, den du gerade offen hast, wenn du die App zum ersten Mal startest und einer Person schreibst. Wir wollten wissen, wie viele Fingertipps zwischen „App installiert" und „tatsächlich Ende-zu-Ende-verschlüsselt" liegen. Wir haben mitgezählt.
Was „Cloud-Chat" wirklich bedeutet
Öffnest du bei Telegram ein neues Gespräch, landest du im sogenannten Cloud-Chat. Der Name ist ehrlicher, als er klingt: Der Inhalt liegt tatsächlich in Telegrams Cloud, in für Telegram lesbarer Form. Verschlüsselt ist die Verbindung zwischen deinem Gerät und dem Server (Transportverschlüsselung) — aber auf dem Server selbst liegt der Klartext, oder zumindest etwas, das Telegram bei Bedarf in Klartext zurückverwandeln kann. Das ist derselbe Sicherheitslevel wie bei praktisch jedem Cloud-Speicher: gut gegen Lauscher auf dem Weg, wertlos gegen den Anbieter selbst oder gegen jeden, der beim Anbieter anklopft.
Das ist kein Geheimnis — Telegram hat das nie verheimlicht, es steht in der eigenen FAQ. Das Problem ist nicht die Ehrlichkeit. Das Problem ist die Reihenfolge: Sicher ist die Ausnahme, nicht die Regel.
Der Weg zur echten Verschlüsselung — mitgezählt
Um tatsächlich Ende-zu-Ende-verschlüsselt zu schreiben, brauchst du einen „Geheimen Chat". Wir haben eine frisch installierte App genommen und mitgezählt, was dazwischenliegt:
- Auf das Stift-Symbol tippen, um ein neues Gespräch zu beginnen.
- Die Kontaktliste öffnen und eine Person auswählen.
- Im Chat oben auf den Namen der Person tippen, um zum Profil zu kommen.
- Das Drei-Punkte-Menü öffnen.
- „Geheimen Chat starten" auswählen — ein separater Menüpunkt, ein separates Gespräch, eine separate Chat-Liste.
- Warten, bis die Gegenseite den neuen, zweiten Chat überhaupt bemerkt, weil er nicht derselbe ist wie der, in dem ihr gerade geschrieben habt.
- Dort neu schreiben — der Verlauf aus dem Cloud-Chat kommt nicht mit.
Sieben Schritte, ein neues Gespräch, ein verlorener Verlauf. Und das nur, wenn man überhaupt weiss, dass es diese Option gibt — sie steht nicht im Hauptmenü, sondern versteckt sich hinter dem Profil der Kontaktperson.
Warum das mehr ist als Kleinkram
Man könnte sagen: Sieben Tipps sind doch keine grosse Sache. Sind sie auch nicht — für die Person, die diesen Artikel liest und jetzt weiss, wonach sie sucht. Für alle anderen ist es eine Hürde, die praktisch nie genommen wird. Sicherheitsforschung ist sich seit Jahren einig: Was nicht die Voreinstellung ist, wird von der grossen Mehrheit nie aktiv gewählt. Das ist kein Vorwurf an die Nutzer — es ist, wie Menschen mit Software umgehen, und jede Firma, die UX ernst nimmt, weiss das genau.
Zusätzlich fehlen Geheimen Chats bei Telegram ein paar Dinge, die man im Alltag erwartet: Sie synchronisieren nicht über mehrere Geräte (ein Geheimer Chat lebt auf genau dem Gerät, auf dem er gestartet wurde), und Gruppen sind komplett ausgeschlossen — Geheime Chats gibt es ausschliesslich als Eins-zu-eins-Gespräch. Wer in einer Gruppe schreibt, schreibt also immer im Cloud-Modus. Es gibt keine Wahl.
Warum Telegram das so gebaut hat — fair bleiben
Wir wollen nicht unterstellen, dass das aus Böswilligkeit passiert ist. Cloud-Chats haben echte Vorteile: Der Verlauf ist auf allen Geräten gleichzeitig da, die Server-Suche funktioniert über Jahre zurück, Gruppen mit Zehntausenden Mitgliedern sind technisch überhaupt nur so machbar. Ende-zu-Ende-Verschlüsselung für alles hätte Kompromisse gekostet, die Telegram offenbar nicht eingehen wollte — mehr Geräte-Verwaltung, langsamere Server-Suche, kompliziertere Gruppen. Das ist eine legitime Produktentscheidung. Nur sollte man sie nicht „sicherer Messenger" nennen, wenn die sichere Variante die, die kaum jemand benutzt, hinter sieben Klicks versteckt ist.
Und bei uns?
Bei HIY gibt es diese Wahl nicht — und das ist Absicht, nicht Unvermögen. Jeder Chat ist Ende-zu-Ende-verschlüsselt, weil es keinen zweiten Modus gibt, den man stattdessen nehmen könnte. Der Signierschlüssel liegt im Sicherheitschip des Geräts (mehr dazu in unserem StrongBox-Artikel) und verlässt ihn nie. Das kostet uns dieselben Kompromisse, die Telegram vermeiden wollte: Server-seitige Volltextsuche über den Chat-Verlauf gibt es bei uns nicht, weil wir den Inhalt gar nicht lesen können. Wir finden, das ist der richtige Tausch. Aber ehrlich gesagt: Wir mussten uns auch nicht zwischen „komplizierte Wahl anbieten" und „einfach entscheiden" entscheiden. Bei einer neuen App ist das leichter als bei einer, die seit Jahren Hunderte Millionen Nutzer an das Cloud-Modell gewöhnt hat.
Sieben Klicks bis „sicher". Wir haben nachgezählt, damit du es nicht musst — und damit klar ist, wovon die Rede ist, wenn eine App sich „verschlüsselt" nennt: von der Voreinstellung, oder vom Menüpunkt, den fast niemand findet.