Wachstumsmechaniken funktionieren. Das ist das Unangenehme an ihnen — sie sind nicht bloss nervig, sie sind wirksam, und genau deshalb braucht es eine bewusste Entscheidung, sie nicht einzubauen, statt sie einfach zu vergessen. Hier ist die Liste dessen, was wir absichtlich draussen gelassen haben, mit der Begründung dazu.
Der Push um 21 Uhr
Wir hatten ihn kurz drin, in einer internen Testversion: eine Erinnerung am Abend, wenn die Nutzungszahlen erfahrungsgemäss am leichtesten zu heben sind, weil die meisten Leute dann Zeit und ein Handy in der Hand haben. Er hat funktioniert — die Rückkehrrate stieg messbar. Er hat auch dazu geführt, dass halb das Testteam ihn nach vier Tagen stummgeschaltet hat. „Die 21-Uhr-Pushs waren die Hölle", stand wortwörtlich in unserem internen Feedback-Kanal. Wenn das eigene Team, das weiss, warum die Nachricht kommt, sie trotzdem loswerden will, ist die Antwort klar. Raus damit.
„Wir vermissen dich"
Die Klassiker-Mail nach sieben oder vierzehn Tagen Inaktivität, meist mit einem Rabatt oder einem künstlichen Update-Hinweis garniert, um einen Grund zum Zurückkommen vorzutäuschen. Das Muster dahinter: Abwesenheit wird als Problem behandelt, das gelöst werden muss — nicht als das, was es oft einfach ist, nämlich dass gerade nichts zu sagen war. Wir wollen nicht, dass eine App das Gefühl gibt, ihr etwas schuldig zu sein, nur weil man ein paar Tage nicht drin war.
Kein Newsletter mit Statistiken über dich
Eine beliebte Variante: eine wöchentliche Zusammenfassung — „Du hast diese Woche 12 Beiträge gesehen, 3 Personen haben auf dich reagiert" —, die vor allem einen Zweck hat, nämlich dich an die App zu erinnern, indem sie Aktivität simuliert, die du selbst längst vergessen hast. Um so eine Zusammenfassung zu bauen, müssten wir ausserdem mitschreiben, was du siehst und wie oft — Daten, die wir aus genau diesem Grund gar nicht erst sammeln wollen. Kein Newsletter, weil dafür ein Beobachtungsapparat nötig wäre, den es bei uns nicht gibt.
Serien und Zähler, die abreissen können
Tägliche Serien — „5 Tage in Folge aktiv!" — erzeugen einen der wirksamsten psychologischen Hebel überhaupt: die Angst, etwas zu verlieren, was man sich aufgebaut hat. Genau deshalb sind sie so verbreitet, und genau deshalb bauen wir sie nicht. Eine Serie belohnt Anwesenheit, nicht Inhalt. Wer nur wegen der Zahl reinschaut, hat nichts zu sagen — und wir wollten eine App, in der Leute reinschauen, weil sie etwas sagen wollen, nicht, um eine Zahl am Leben zu halten.
„X Personen haben das auch gesehen"
Soziale Beweis-Hinweise — Anzeigen darüber, wie viele andere gerade dasselbe tun oder gesehen haben — erzeugen Dringlichkeit, wo objektiv keine ist. Sie funktionieren, weil Menschen sich an der Masse orientieren, nicht weil die Information selbst nützlich wäre. Wir zeigen dir, was in deinem Umfeld passiert, aber nicht als Zähler, der dich zum schnelleren Reagieren drängen soll.
Was übrig bleibt, wenn man das alles weglässt
Ehrlich: weniger. Die Nutzungszahlen wären mit jeder dieser Mechaniken höher, das bestreiten wir nicht — manche davon haben wir getestet und genau deshalb wieder rausgenommen, nicht weil sie nicht funktionierten, sondern weil sie zu gut funktionierten für das, was sie eigentlich taten. Was bleibt, ist eine App, die niemanden zurückholen will, der von selbst nicht wiederkommen möchte. Das ist langsameres Wachstum. Es ist auch der einzige Massstab, an dem wir uns wirklich messen lassen wollen: ob jemand bleibt, weil er will, nicht weil wir ihn dazu gebracht haben.